Liebe Hasumsi-Freunde. Auf unserem Blog möchten wir euch nicht nur unsere Erlebnisse näher bringen. Hasumsi soll auch ein Blog sein, auf dem ihr Menschen näher kennenlernen könnt. Wir möchten euch Sportler und Menschen vorstellen, die etwas mit dem Bereich Sport/Outdoor zu tuen haben, Das können sowohl aktive Athleten aus den verschiedensten Bereichen des Sports sein, aber auch Menschen, von denen wir glauben, dass es wert ist ihre Geschichte zu erzählen. In einer losen Folge werden wir aus diesem Grund auch immer wieder Interviews einstreuen. Gerade in der letzten Zeit konnten wir auf unseren Touren viele interessante Gespräche führen. Das Interview ist dabei oft dabei oft die direkteste Art solche Treffen darzustellen. Viel Spaß beim Lesen!

#Philipp Pflieger

Philipp Pflieger ist in diesem Jahr der beste Marathonläufer Deutschlands. Vor dem Hamburg Marathon ging es für ihn um nicht weniger, als die Qualifikation für die EM in Berlin. Das nachfolgende Interview habe ich mit ihm unmittelbar vor und nach seiner erfolgreichen Qualifikation in der Hansestadt führen können. Die Bilder sind in Zusammenarbeit mit Ruben Elstner, einem Fotografen den ich sehr schätze, entstanden und zeigen Philipp hautnah vor und nach dem entscheidenden Wettkampf.

Philipp beim Training in Regensburg.

Philipp und ich kennen uns nun schon eine ganze Weile. Durch unserer beider Berufswahl treffen wir uns regelmäßig. Zudem steht er mir bei aktivLaufen als Experte mit Rat und Tat zur Seite. Für die Leser gibt der Marathonläufer wertvolle Trainingstipps als Autor. Als ich ihm von meiner Idee erzähle, ihn zu Hause beim Training, vor seinem wichtigen Rennen und auch während der Zeit in Hamburg fotografisch begleiten zu lassen, ist er direkt begeistert. Das ist nicht selbstverständlich, gerade dann, wenn für einen Profisportler doch sehr viel von dem Wettkampf abhängt. Für Philipp geht es schließlich um die EM-Qualifikation. Man stelle sich nur Folgendes vor: Was passiert mit seiner Laufkarriere, wenn er in der Hansestadt die Norm verpasst? Was, wenn sein Körper, wie zuletzt in Berlin, auf einmal streikt, er die Ziellinie nicht erreicht? Die Bilder, von einem in sich zusammensinkenden Pflieger gingen durch die Marathonwelt. Für ihn habe es im Nachhinein jedoch zahlreiche Respektbekundungen gegeben, wie er mir in einem Gespräch vor Hamburg erklärt. Auch aus dem Ausland meldeten sich viele Sportinteressierte bei ihm, vornehmlich, um ihm eine positive Rückmeldung zu geben.

Philipp auf seiner Terrasse. Er ist passionierter Kaffeetrinker. 🙂

Ein gehöriger Popularitätsschub in einem Land, in dem außer Fußball eigentlich gar keine andere Sportart eine Rolle spielt, geschweige denn, dass man ihre Protagonisten kennt. Das hat sich durch den Zusammenbruch Pfliegers in Berlin zumindest für ihn ein wenig geändert. Und dennoch: Allzu häufig sollte das nicht passieren. Dafür ist diese Sportwelt zu schnelllebig. Für einen Sportler, der auf das Geld seiner Sponsoren und Startgelder angewiesen ist, auf Unterstützung durch den Verband und Bund verzichtet, kann da schon mal das Gedankenkarussel losgehen. Alles Fragen, über die er nicht unnötig lange gegrübelt habe, wie er mir unmittelbar vor dem Lauf in der Hansestadt versichert. Die gesundheitlichen Fragen seien abgeklärt, alles sei im grünen Bereich. Und er sollte recht behalten. Gesagt, getan – abgeliefert. Und so stehen nach Hamburg die Fakten. EM-Norm in 2:13:39 Stunden geknackt, entspannt unter der für einen Einzelstart wichtigen 2:14-Stunden-Marke geblieben. Alles lief für Philipp wie geplant, auch der Körper spielte mit.

Philipp, für Hamburg, so könnte ich mir vorstellen, gab es für dich mindestens zwei Ziele. Zum einen den Marathon finishen und zum anderen die EM-Norm knacken. Würdest du das so unterschreiben?

Genau. Es ging auch darum wieder Sicherheit und Wettkampfroutine zu sammeln. Das ist im Marathon per se nicht so leicht, da es nur wenige Startmöglichkeiten pro Jahr gibt. Wenn man also ein Negativerlebnis wie Berlin hinter sich hat, dann möchte man gerne mit einem positiven Erlebnis daran anknüpfen. 2:14 war dann jedoch der Selbstanspruch, den ich in Hamburg mindestens erfüllen wollte.

Ist die Vorbereitung dieses Mal anders abgelaufen, habt ihr Trainingsabläufe geändert?

Ich habe mich noch nie so lange auf einen Marathon vorbereitet. Bislang dachte ich, dass zwölf Wochen für den Kopf ausreichen müssten. Da hat mein Trainer Kurt Ring jedoch genau richtig entschieden und drei Wochen zusätzlich eingeplant. Ich fühlte mich für Hamburg extrem gut gerüstet. Ohne, dass das jetzt abgehoben klingen soll, das Rennen wollte ich auf einem Level von 98 Prozent laufen. Ich wollte jedoch nicht „all in“ gehen, denn es ging ja nicht um eine Bestzeit. Man muss dabei das große Ganze sehen. Und da bedeutet dieses Rennen für mich eine ideale Zwischenstation auf dem Weg nach Berlin. Alles, was wir vor Berlin an Fitness tanken können, wird mir sicherlich später im Jahr zugute kommen.

Gibt es für dich noch zusätzliche Hilfsmittel in der Vorbereitung? Nutzt du beispielsweise Mentaltraining?

Nein, ich bin eher ein visueller Typ, stelle mir also etwas vor. Ich höre viel Musik, zwar nicht unbedingt beim Laufen, aber sonst eigentlich den ganzen Tag. Ich verbinde sehr viel mit Texten und diese mit Ereignissen.

Was wäre so ein Ereignis? Welcher Song hat auf dich einen positiven Einfluss?

Das ist jetzt zwar kein aktueller Song, aber diesen habe ich während der Vorbereitung auf Hamburg oft gehört: „Dog days are over“ von Florence and the Machine.

Gute Wahl!

(lacht) Schön, dass es dann auch gut ausgegangen ist.

Philipp unmittelbar vor dem Rennen in HH mit seiner Freundin Barbara.

Wie entscheidend wichtig ist deine Freundin in den Momenten, wo es sportlich bei dir drauf ankommt? Und wer zählt für dich zum inneren Kreis?

Nun, da ist Barbara an vorderster Stelle zu nennen. Dadurch, dass sie ja selbst eine sehr gute Läuferin ist, kann sie sich gut vorstellen, was in mir so abläuft, wie sich Situationen anfühlen. Und sie bekommt naturgemäß hautnah mit, wenn es mal nicht so läuft. Natürlich hat auch mein Coach, zumindest was das Training betrifft, einen sehr nahen Zugang. Mit ihm arbeite ich schon im elften Jahr zusammen. Wir hatten viele schöne Zeiten, es gab aber auch schlechte (lacht). Unsere Beziehung zueinander ist durch Rückschläge jedoch eher gewachsen. Nah dran sind auch meine Eltern, die nach wie vor versuchen, jedes Rennen von mir zu sehen. Sie waren jetzt auch in Hamburg dabei. Das hat sich von früh an so weiterentwickelt.

Nur dauern deine Rennen heute länger …

(lacht) Genau, das ist für meine Mutter auch tatsächlich ein Punkt. Diese Nervosität, das ist schon anstrengend für sie. Ich konnte sie jedoch beruhigen, indem ich sagte, dass es bei mir jetzt nicht mehr länger wird. Aber dass wir uns sehen, finde ich gut, denn so häufig schaffe ich es nicht mehr bis nach Hause in Sindelfingen.

Philipp mit seiner Mutter nach dem Zieleinlauf in HH.

Wie muss man sich das dann kurz vor einem Rennen vorstellen? Sitzt du mit deinen Leuten zusammen, geht ihr Rennstrategien durch, mögliche Szenarien auf der Strecke?

Die letztlichen Marschrouten für Training und Rennen planen ausschließlich mein Trainer und ich. Wir wissen beide vor jedem Wettkampf, was das Ziel ist. Natürlich haben wir heute ein anderes Trainer- und Athletenverhältnis als zu Beginn. Aber ich laufe jetzt nicht rum und glaube, dass ich jetzt schon alles und vor allem besser weiß. Ich habe mittlerweile jedoch mehr Freiheiten, Dinge einzubringen. In Berlin war es beispielsweise allein meine Entscheidung, so schnell anzulaufen. Nicht, dass ich es nicht draufgehabt hätte. Selbst Kurt kam zwei Wochen vor dem Start zu mir und zollte mir Respekt für die harte Vorbereitung und bescheinigte mir eine sehr gute körperliche Verfassung. Er ist jedoch aufgrund des Wetters skeptisch gewesen. Für ihn war es nicht der Tag, an dem ich eine neue Bestmarke anpeilen sollte. Sein Vorschlag war, „nur“ die Norm zu knacken und dann in diesem Frühjahr Ruhe zu haben.

Das widerstrebte dir dann wahrscheinlich, oder?

Ja, ich wollte mir nicht die drei Monate davor quasi umsonst den Arsch aufgerissen haben. Und obwohl das meine Fehleinschätzung war, ist er nach dem Rennen hingegangen und hat sich vor mich gestellt. Nicht selbstverständlich so etwas.

Habt ihr mögliche Szenarien für Hamburg angesprochen?

Nun, es ist immer gut, bestimmte Dinge im Vorfeld durchzuspielen. Was passiert, wenn ich da und da zu schnell bin, wenn das und das passiert …

Was ging dir beispielsweise durch den Kopf, als sich die Pacer doch recht zeitig nach und nach aus dem Rennen verabschiedeten?

Es sicherlich nicht von Vorteil, wenn bei Kilometer 30 alle Tempomacher aus dem Rennen sind, noch recht viel Strecke allein vor einem liegt. Zumal, wie alle Marathonis wissen, der Marathon erst dann wirklich losgeht, auch für uns Profiläufer. Das ist der essenzielle Part, wo eine Unterstützung durch einen Tempomacher oder eine Gruppe sehr wichtig ist. Solange andere mitlaufen, herrscht eine Art Wettkampfsituation. Ich weiß, dass Pacemaker irgendwann rausgehen, aber es treibt mich an, wie zu meinen alten Zeiten auf der Bahn. Ich orientiere mich dann an der Schulter oder einfach darauf, an seinen Hacken dranzubleiben. Du konzentrierst dich nur auf diese eine Sache. Das Schlimmste ist für mich, die Einsamkeit des Langstreckenläufers ertragen zu müssen.

Wie sehr haben dir die Zuschauer helfen können?

Sehr, das muss ich schon sagen. Wobei es auf dem Abschnitt 30 bis 32 Kilometer nicht viele Zuschauer gab. Und es war auch kein Läufer in Sicht, den ich irgendwie ins Visier nehmen konnte. Ich war also als 1-Mann-Gruppe unterwegs. Ab 33, 34 war dann allerdings richtig Stimmung. Das pusht.

Habt ihr denn auch bei der Ernährungsstrategie etwas geändert, eventuell bei den Zusätzen beim Trinken versucht, Dinge zu optimieren?

Wir haben bei der Trinkstrategie nicht so viel verändert. Mein Partner UltraSports hat mit mir zusammen jedoch an verschiedenen Getränkemischungen und Zusätzen gearbeitet. Ich bin für mich davon ausgegangenen, dass ich dann in Hamburg eine eigene Mixtur zusammengestellt bekomme. Letztlich, und das ist eigentlich ganz amüsant, ist es dann ein Produkt geworden, das seit dem Berliner Halbmarathon im Handel erhältlich ist, der „Beetster“.

Beschreib uns doch bitte zum Abschluss noch die letzen Kilometer und den Zieleinlauf.

Ich war ein paar Kilometer recht schnell unterwegs, so um die 3:08 Minuten pro Kilometer. Folglich musste ich ein wenig Tempo rausnehmen. Zusätzlich wurde es sehr warm. Auch der Zieleinlauf kam nicht an der Stelle, wo zumindest ich ihn erwartet habe. Da war ich ganz ehrlich kurz verwundert. Ich hatte nicht mehr ganz vor Augen, wie sich das am Ende gestaltet. Klar war jedoch, das Ziel muss aufgrund der gelaufenen Zeit gleich in Sichtweite kommen, ist es ja dann auch (lacht). Der Zieleinlauf selbst war toll, auch weil meine Freundin direkt dort stand. Es war für uns beide ein unglaubliches Gefühl, weil, und da haben wir ja eben schon drüber gesprochen, sie ja auch am ehesten alle Höhen und Tiefen mitbekommt.

Und nun steht ja die EM in Berlin an. Greifst du deine Bestzeit an?

Das entscheiden wir noch. Es kommt auch auf die Bedingungen an. Der Start ist relativ spät, da kann es sehr heiß sein. Auch die Streckenführung ist eine andere als beim Berlin-Marathon. Mal schauen.

Vielen Dank, Philipp!

Philipp läuft sich warm. Eindrücke vor dem Marathon in HH.

Fotos: Ruben Elstner


Das ist Philipp Pflieger:

Alter: 30

Beruf: Profiläufer

Bestzeiten:

5.000 m: 13:31,24 min

Marathon: 2:12:50 h

Sportliche Erfolge:
2016: Teilnahme Olympische Spiele (Marathon)

2017: Deutscher Meister Crosslauf

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Das Interview führte Ralf und wurde zuerst in der aktivLaufen 4/18 veröffentlicht.