Anton Krupicka ist eine schillerndsten Figuren der globalen Laufszene. Bereits mit 12 Jahren finishte er seinen ersten Marathon – 3 Stunden und 50 Minuten, die ihm das Gefühl gegeben haben, eine Art Superheld zu sein.

Interview: Ralf Kerkeling

Ich bin mit Anton Krupicka verabredet. Eigentlich, denn zunächst einmal muss ich auf ihn warten … und warten. Hat was von einem Superstar. Aber das ist er ja auch, zumindest im Bereich Ultrarunning, er hat Grenzen im Laufsport verschoben. Dieses Warten, oder besser Erwarten, kannte ich bislang nur von meiner früheren Arbeit beim TV und den Interviews mit Rock- und Popstars. In der Rockszene gehört es zum guten Ton, zu spät zu kommen. Ich denke: „Okay, für dieses Interview bin ich 10 Stunden bis nach Südtirol gereist, egal!“ Und natürlich warte ich gerne, denn dieser Typ hat was, ist schon was Besonderes.

Nach etwa einer Stunde trudelt er relaxt ein. Und es ist im Prinzip genau so, wie ich es erwartet habe. Anton stapft mit seinem einnehmenden Lachen, die Sonnenbrille ins lange Haar hochgeschoben, lässig lächelnd auf mich zu und begrüßt mich freundlich. Die zahlreichen Autogrammjäger und Fotografen um ihn herum irritieren ihn nicht. Er habe noch trainiert und sich dabei mit dem Fahrrad in den Bergen rund um Trento etwas verfahren, entschuldigt er sich.

Kein Thema! Bevor es zum Interview geht, schaue ich mir den Kollegen an und denke: „Hm, wenn ich gerade 170 Kilometer Rad gefahren wäre, hätte ich Hunger und Durst.“ Und genauso ist es auch. Also besorge ich ihm – Anton hat kein Geld dabei – schnell drei Stücke Kuchen, eine Flasche Wasser, plus jeweils einen Kaffee für ihn und mich. Dann starten wir in ein die nächsten anderthalb Stunden andauerndes, sehr anregendes Gespräch über das Laufen an sich, Weltanschauungen und philosophische Aspekte des Trailrunnings. Das folgende Interview ist ein Auszug aus diesem inspirierenden Gespräch mit Anton Krupicka.

 

Cooler Typ, absoluter Naturliebhaber. Anton läuft für sein Leben gerne. Seine Art zu laufen inspirierte tausende Trailrunner auf der ganzen Welt. Foto: ©La Sportive
Anton, du bist nun eine ganze Weile verletzt gewesen (Anm.: Interview aus dem Jahr 2018). In der Läuferszene gab es sogar schon Gerüchte, dass du gar nicht mehr laufen und deinen Fokus auf andere sportliche Aktivitäten lenken möchtest. Wie ist der Stand der Dinge, was ist dran an den Gerüchten?

Anton Krupicka: (lacht) Nun, davon habe ich auch gehört. Aber ich laufe viel zu gerne, als das ich darauf verzichten möchte. Es war jedoch einfach nicht möglich. Also bin ich viel geklettert und Rad gefahren. Ich bin jedoch optimistisch, dass ich am Ende des Sommers wieder ein Rennen laufen kann. Ich liebe es tatsächlich immer noch, Wettkämpfe zu laufen, es ist für mich jedes Mal eine sehr wertvolle Erfahrung.

Was nimmst du mit aus der Zeit, als du verletzt warst? Das Ganze hat ja etwas länger gedauert, als du es wahrscheinlich erwartet hast?

Ich muss immer wieder, bei jeder Verletzung die gleichen Lektionen lernen. Beispielsweise, dass ich nicht zu früh wieder anfangen sollte mit dem Training, selbst wenn der Körper sich sehr gut anfühlt. Was ich speziell von dieser Verletzung gelernt habe? Ich kann sehr fit sein, indem ich Ski oder Rad fahre. Wenn der Körper noch nicht so weit ist, sollte man vor allem den Muskeln und dem Bewegungsapparat die nötige Aufmerksamkeit zukommen lassen. Was im letzten Jahr passiert ist, resultierte daraus, dass ich aus einer guten Skisaison kam, meine Muskeln jedoch noch nicht wirklich auf das Laufen vorbereitet waren. Ich habe den Trainingsumfang zu schnell hochgezogen. Auch jetzt fühle ich mich schon wieder sehr gut, zwinge mich aber, ruhig und langsam aufzubauen.

Geduldig sein ist manchmal ganz schön schwierig, oder?

Oh ja, ich renne seit 24 Jahren und habe schon so einige Verletzungen mitmachen müssen. In dem Moment, wenn es dazu kommt, einfach nur rational damit umzugehen, dafür betreibe ich das ganze mit zu viel Passion, das ist hart.

Wenn man sich Ruhe gönnen muss, ist es zumindest für mich ein probates Mittel zu lesen. Auch du bist augenscheinlich ein belesener Mensch, hast drei Studiengänge abgeschlossen, scheinst dich für viele Dinge zu interessieren. Wie sieht es da mit Büchern aus, im Speziellen mit Laufbüchern? Kannst du denen etwas abgewinnen?

(lacht) Nun, zu Hause in Nebraska, im Haus meiner Eltern, habe ich in meinem alten Kinderzimmer eine ganze Wand voll mit Laufbüchern. Als ich aufs College gegangen bin, war ich ein absolut fanatischer Leser von Laufbüchern. Und dabei hat mich jeder Aspekt des Laufens interessiert. Ob Trainingsbücher oder Biographien – einfach alles, was es dazu gab, habe ich geradezu verschlungen. Zusätzlich kaufte ich mir die Abos von verschiedenen Laufmagazinen.

Je mehr ich dann gelaufen bin und je älter ich wurde, umso mehr hat es, wie soll ich sagen, etwas von dem Mystischen für mich verloren. Ich war und bin ja nun Teil des Ganzen, auch wenn das Ultralaufen nur ein kleiner Aspekt in der Welt des Laufens ist. Vielleicht habe ich auch realisiert, dass es eigentlich kein großes Geheimnis gibt. Ich bin mehr davon angetan, es einfach zu erleben, als über jede Facette zu lesen. Natürlich informiere ich mich noch, halte mich auf dem Laufenden, aber nicht mehr so fanatisch wie früher. Dabei gibt es heute viel mehr gute Bücher über diesen Sport …

Du hast einmal „Die Monkey Wrench Gang“ von Edward Abbey als das Buch beschrieben, das dich am meisten beeinflusst hat. Was genau hat dich bewegt? Und hat es Einfluss auf deinen Sport gehabt?

Im Alter von acht, neun Jahren, wenn man anfängt, sich wirklich wahrzunehmen, hat mich das Buch absolut berührt, mich gelehrt, offen zu sein. Die Hauptfigur erlebt so viele Abenteuer, traut sich etwas. Es geht dabei nicht um Tiefgang oder Ähnliches. Es macht aber jede Menge Spaß zu lesen. Ich habe es gerade erst wieder gelesen, als ich in der Wüste unterwegs war. Das Buch hat einfach, lass es mich so sagen: Charakter.

Du bist sehr früh mit dem Laufen gestartet, hast mit 12 Jahren deinen ersten Marathon gefinisht. Was hat sich für dich persönlich seitdem im Laufen geändert? Und als zweite Frage hinterher: Wie hat sich das Laufen allgemein verändert?

Dass wir gerade über die Laufbücher gesprochen haben, passt hierzu. Ich war früher ein obsessiver Läufer. Heute ist so: Ich liebe das Laufen, aber es ist anders. Ich würde nicht sagen, dass ich es weniger liebe, einfach anders, es ist aber nicht mehr DAS Besondere für mich. Wenn ich mir den Sport allgemein anschaue, kann ich das am besten auf den Part beziehen, in dem ich unterwegs bin – das Ultra- und Traillaufen …

Dort kann man gerade in den letzten 12 Jahren feststellen, dass es immer extremer wird. Die 100-Meilen-Rennen haben ja mittlerweile auch in Europa enormen Zulauf. Dabei muss ein Lauf nicht immer 100, 50 oder was weiß ich wie viele Kilometer lang sein. Auch ein Fünf-Kilometer-Lauf ist wertvoll. Es muss nicht immer noch extremer werden. Die Trailmagazine in den USA berichten fast nur noch über Ultrarunning. Das ist daraus geworden. Berühmte Marathons, wie der in Boston, genießen nicht mehr den gleichen Stellenwert wie früher, weil es eben kein Ultralauf ist.

Stimmt, das scheint der Gang der Dinge zu sein, das können wir hier bei uns im Lande tatsächlich auch feststellen … Aber das ist doch eine schlechte Mentalität, oder?

Es gibt andere Wege, in den Wettkampf mit sich selbst oder andere zu treten, ohne gleich immer noch weiter zu laufen. Wie soll das ein normal arbeitender Mensch denn schaffen? Training, dann Wettkämpfe, die sich über vier oder fünf Tage hinziehen … das ist dann wohl etwas für Leute, die nichts anderes in ihrem Leben haben, oder eben Profis … Ja, dabei gibt es doch so viel mehr zu entdecken. Oder man begreift es einfach als Abenteuerurlaub. Das ist eher so meine Richtung. Läufe über 200 Kilometer sind doch irgendwie schon Expeditionen. Diese dann als Selbstversorger zu bestreiten – genau mein Ding.

Und wie sieht es für dich im Straßenlauf aus?

Wenn ich mir die Zeiten ansehe, die auf der Laufbahn gelaufen wurden und werden, oder im Marathon, hm … Früher, gerade so in den 1990ern, konnte bestimmt leichter betrogen werden. Und heute? Zeiten im Marathon unter 2:03 …? Aber das soll jetzt nicht Teil des Gespräches sein (lacht). Doping interessiert mich persönlich tatsächlich gar nicht. Denn ich laufe nicht, um immer die absolute Leistungsgrenze zu erreichen. Ich laufe für die Erfahrung, um mich, so hart es geht, herauszufordern und anzutreiben. Das ist für mich ein großer Unterschied. Laufen in den Bergen ist zudem ein komplett anderer Sport als auf der Straße zu rennen. Ich versuche schon, dort alles aus mir rauszuholen, aber es ist mir nicht mehr so wichtig wie vor etwa zehn Jahren.

Damals ging es immer nur darum, mir selbst etwas zu beweisen, sich mit anderen zu vergleichen. Das ist mir mittlerweile zu wenig. Das Wettkampfgefühl liee ich jedoch immer noch, ob beim Skibergsteigen, wo ich übrigens nicht besonders gut bin, oder eben beim Laufen. Es fühlt sich anders an. Ich weiß die Dinge drumherum nun mehr zu schätzen, beispielsweise dass ich ein so tolles Leben führe. Ich brauche das Wettkampfgefühl aber auch. Ein Wettkampf ist intensiv, er lässt dich das Leben auf eine spannende Art und Weise spüren, das macht es wertvoll für mich. Ich möchte das auf keinen Fall missen. Das Leben wäre für mich nicht so lebenswert und erfüllend, wenn es nicht diesen intensiven Teile geben würde.

Anton arbeitet intensiv mit den Entwicklern bei La Sportiva zusammen. Foto: © La Sportiva
Wie kann man sich das vorstellen? Hat es etwas mit dem Spüren des eigenen körpers zu tun?

Ja, jeden Fall. Es sind Momente, wo sich der ganze Aufwand lohnt, den du betrieben hast. Es sind harte Momente, du kämpfst, und es ist auch nicht gerade der Komfortbereich, in dem du dich dann bewegst, aber es fühlt sich dennoch gut an.

In allem, was du erzählst, spürt man auch deine Liebe zur Natur. Du liebst es, dich draußen zu bewegen. Beschäftigst du dich als Läufer auch mit Themen wie dem Klimawandel, Umweltbewusstsein, Nachhaltigkeit?

Nachhaltigkeit ist zunächst einmal ein sehr großes Themengebiet, wenn man beispielsweise an die Herstellung von Kleidung denkt. Hier schauen die einzelnen Marken mittlerweile genauer hin, versuchen, diese emissionsfreier herzustellen. Letztlich ist es ein Zusammenspiel von vielen Komponenten, um auch den Klimawandel einzugrenzen. Ich muss auch bei mir selbst schauen. Ich reise beruflich so viel. Das hat natürlich einen ganz schlechten Einfluss auf die Umwelt, mein Fußabdruck ist ganz schön groß.

Was versuchst du also privat umzusetzen?

Für einen Trailläufer ist es wichtig zu erkennen, dass man sorgsam mit seiner Umwelt umgeht, dass es wertvoll ist, sich in einer gesunden Umgebung zu bewegen. Für mich ist es eine Pflicht, sich nicht nur zu seinem Sport zu bekennen, sondern auch seine Stimme zu erheben, wählen zu gehen. Dann habe ich Einfluss, kann Dinge mitentscheiden. Es geht in meinen Verständnis nicht, einfach nur zu sagen: „Okay ich genieße das hier alles, bin aber nicht bereit, irgendetwas dafür zu tun.“ Es ist wichtig, auch für zukünftige Generationen etwas in dieser Richtung zu unternehmen, ihnen ein gesundes Leben zu ermöglichen. Die könnten sonst ganz schön angeschmiert sein. Das ist natürlich sehr politisch, und man könnte jetzt anmerken: Was hat das mit Laufen zu tun? Und ich sage: Genau das hat es damit zu tun – Verantwortung zu übernehmen für sich und seine Umwelt, dazu zählt auch die Natur.

Zur Person:

Anton Krupicka

geboren: 8. August 1983 Größe: 1,80 m

Gewicht: 76 kg

Nationalität: USA

Disziplin: Ultraläufer, Skibergsteigen, Klettern

Web: www.antonkrupicka.com

Sportler-Karriere Shortcuts:
  1. Erster MarathonAnton läuft im Alter von 12 Jahren seinen ersten Marathon in einer Zeit von 3:50 Stunden (Okoboji Marathon/Iowa)
  2. Leadville 100, 2006Nur drei Wochen nach seinem ersten Start über 50 Meilen gewinnt Anton das legendäre 100-Meilen-Rennen. Der Zweitplatzierte kommt 1:45 Stunden nach ihm ins Ziel.
  3. Wester States, 2010Beim Western States Endurance Run 2010 wird er Zweiter in einer Rekordzeit von 15:13:53 Stunden.
  4. SiegertypEr hat zweimal den Leadville 100, dazu den Miwok 100K, den Rocky Raccoon 100 Miler, die Collegiate Peaks 50 Miler, den White River 50 Miler zweimal, den High Mountain 50K und den Estes Park Marathon gewonnen.
Neben dem Laufen ist Klettern die große Leidenschaft für Anton.
Foto: @La Sportiva

Das Interview erschien zuerst in der Ausgabe 5/18 der aktivLaufen