Rickey Gates ist Abenteurer. Der charismatische Läufer durchquerte sein Heimatland USA, um ein durch die Politik geteiltes Land und seine Menschen besser zu verstehen. 3700 Meilen (ca. 5.955 km) purer Wille. Eine Reise, die ihn Menschen näher brachte, gesundheitlich jedoch gefährdete.

Alle großen Abenteuer beginnen mit einem Moment der Erkenntnis, einem zündenden Funken, der ein Feuer zum Lodern bringt – eine Idee ist geboren. Damit aus diesem losen Gedanken schließlich eine Tat werden kann, bedarf es jedoch weitaus mehr. So erging es auch Rickey Gates (38), seines Zeichens professioneller Ultraläufer, Autor und Fotograf. Rickey ist ein waschechter Weltenbummler und Tausendsassa. Einer, der sich Gedanken macht um das, was um ihn herum passiert, der die Freiheit liebt und gerne in der Natur unterwegs ist. Die Abgeschiedenheit der Berge lässt ihn auftanken und über vieles in Ruhe nachdenken. Dort schmiedet er Pläne für seine Reise- und Laufabenteuer. Als Profi-Ultraläufer hat der 39-Jährige in den letzten Jahren rund um den Globus zahlreiche Flecken dieses Erdballs bereisen können, um an Wettkämpfen teilnehmen zu können. Ein Privileg, dessen er sich völlig bewusst ist, wie er mir in unserem einstündigen Gespräch via Skype erklärt.

Der charismatische Läufer zählt zum elitären Kreis der Top-Ultraläufer auf diesem Planeten. Den ein oder anderen Podiumsplatz hat er sich in seiner Karriere erlaufen können. Rickey kann sich gut fokussieren und wie alle Ultraläufer dieser Klasse extremst quälen. Die Eigenschaft, alles zu geben, lässt ihn jedoch nicht herausstechen. Es sind die Zwischentöne und sensiblen Gedanken, die der im Bundesstaat Colorado geborene Gates im Gespräch durchblitzen lässt. Unsere Unterhaltung entwickelt zu weit mehr, als nur über das Laufen an sich zu sprechen.

Mit wachen Augen erzählt er über seine Kreativität und den persönlichen Anspruch, Reisen mit Abenteuern und der Begegnung mit Menschen zu verbinden. Er möchte wissen, was Menschen bewegt. So ist er der geistige Erfinder der Every-Single-Street-Läufe. Die einfache, aber tolle Idee: jede einzelne Straße einer Stadt zu erlaufen. Dieses Projekt startete Gates 2019 in San Francisco, er benötigte für die knapp 1300 Meilen (ca. 2.092 km) des Straßennetzes 45 Tage. Mittlerweile eifern ihm Läufer auf allen Kontinenten nach. Hinter den sichtbaren Ergebnissen, zu finden unter gleichnamigem Hashtag u. a. auf Instagram und Strava, steckt jedoch weitaus mehr. „Die Menschen in dieser unserer digitalisierten Welt kennen sich nicht mehr. Wer ist mein Nachbar und was hat er mir zu erzählen? Jeder ist nur noch in seiner eigenen, kleinen Blase unterwegs“, beschreibt Gates seine Gedanken zu dem Projekt. Das Leben habe einen digitalen Zusammenbruch erlitten und führe dazu, dass wir uns als Menschen nicht mehr außerhalb dieser Blase bewegen wollen und müssen. Die Folge in seinen Augen: Wir vereinsamen.

Gates ist es wichtig, sich mit den Menschen, die in diesen Straßen wohnen oder arbeiten, zu unterhalten, um ein Gespür dafür zu bekommen, was sie denken. „In den letzten Jahren habe ich zunehmend das Gefühl gehabt, dass wir uns innerhalb der Gesellschaft nicht mehr verstehen“, deutet Gates den fehlenden Zusammenhalt der Menschen und die gesellschaftlichen Probleme in den USA an.

Laufen verbindet

Die Wahl des Republikaners Trump im Jahr 2016, spornte ihn zusätzlich an, sein bislang größtes Laufprojekt schneller umzusetzen, als ursprünglich geplant – die Durchquerung der USA von West nach Ost, von South Carolina nach Kalifornien. Ein weiterer Auslöser, das Abenteuer an sich und vor allem eine Sehnsucht danach, Menschen in ihren Lebenssituationen anzutreffen, Meinungen aufzusaugen. Auch um den eigenen Horizont zu erweitern, wie er sagt, neue Reize zu setzen. Denn diese seien ihm ein wenig verloren gegangen an diesem Punkt seiner Karriere. Rickey hat so ziemlich alles erlebt als Läufer, war erfolgreich. Auch wurde ihm bewusst, dass er in dieser Zeit als Profi zwar viele abgelegene Gebiete und Orte auf diesem Planeten kennengelernt hatte, aber sein eigenes Land? Das kannte er nicht wirklich, wie er sich eingestehen musste. „Diesen Lauf hätte ich auch bei einer Wahl Clintons gestartet. Mit Amtsantritt Trumps im November 2016 schien es jedoch viele Menschen zu geben, mit denen ich auf den ersten Blick nicht einer Meinung sein konnte. Für mich eine optimale Gelegenheit, mit diesen Menschen in Kontakt zu kommen“, beschreibt Rickey seine Motivation und Gemütslage.

Den Plan an der Wand – Rickey in seinem Zuhause.

Und so freute sich Gates neben der Lauferfahrung auf Diskussion mit seinen Mitbürgern über Politik, aber auch über das Leben an sich. „Am Ende standen mehr Gespräche über das Leben als die Politik im Vordergrund“, zeigt sich Gates sichtlich zufrieden über diese für ihn tiefgründige Erfahrung während seines Abenteuers. Politik sei zu einer Art Entertainment geworden, ergänzt er. „Dadurch, dass wir unsere Smartphones den ganzen Tag bei uns tragen, haben wir andauernd Zugriff auf Nachrichten und die Politiker sinnbildlich auch auf uns“, so Gates.

Auch habe er auf seinem langen Weg durch die Heimat verstanden, dass die Menschen nicht so weit auseinander seien, wie er zumindest vor Reiseantritt gedacht habe. „Die Werte der Leute in den einzelnen Staaten sind sehr viel ähnlicher und nicht so unterschiedlich, wie man vielleicht denken mag. Überall wollen sich Menschen sicher fühlen, Zugang zu frischer Luft und frischem Wasser haben. Auch wollen sie zusammen sein und sich austauschen“, so Gates. Es seien nur etwa 10 % der Amerikaner, die sich anders definieren und gegen den Rest stellen würden, Dinge provozieren. Eine Tatsache, die sich die Politik zu nutzen mache und der man sich in der großen Gemeinschaft und auf individueller Basis leicht entgegenstellen könne.

Über alle Grenzen

Nun kann sich jeder sicherlich zumindest im Ansatz ausmalen, welchen Zeitaufwand ein Projekt wie eine USA-Durchquerung beinhaltet. Neben der Planung, anhängender Logistik und schließlich dem Lauf an sich, bedarf es auch Absprachen und Zugeständnissen im Alltäglichen, z. B. bei Arbeit und Familie. Hier kann sich Gates durch seine Stellung als Profisportler glücklich und privilegiert schätzen, keinem Nine-to-five Job nachgehen zu müssen. Auch in puncto Familie, Frau und Kindern, musste er zum damaligen Zeitpunkt keinerlei Eingeständnisse machen.

3700 Meilen (ca. 5.955 km) und fünf Monate standen am Ende auf der Uhr. In Großbuchstaben DREITAUSEND SIEBENHUNDERT. Eine schier unglaublich wirkende Kilometerzahl und Leistung, die Rickey quer durch sein Heimatland führte. Durch verschiedenste Bundesstaaten und Klimazonen, die ihn auch über seine bislang bekannten körperlichen Grenzen hinausführte, ihn zeitweise in einen gesundheitsgefährdenden Bereich manövrierte. „Es war bis dato das erste und einzige Mal in meinem Leben, dass ich Blut im Urin hatte“, beschreibt Gates den Moment in der Wüste Nevadas, der ihn fast zum Aufgeben gezwungen hätte. Ein untrügliches Zeichen des Körpers, der an dem Punkt seines Abenteuers sichtlich gelitten hatte und ausgemergelt war. Dieser bedrückende Moment wurde in seinem Film „Transamericana“ dokumentarisch festgehalten. Man sieht Gates leiden, sich zurückziehen unter dem Hinterteil eines ihn auf diesem Teilstück begleitenden Fahrzeuges nach Schatten suchend und schließlich schmerzverzerrt hinlegen. Gates bekommt diese Situation jedoch wieder in Griff und erholt sich.

Gates konnte sich in schlechten Momenten wie diesem auch auf seine alten Freunde, seine Community in der Heimat in Colorado verlassen. Diese Unterstützung ließ ihn durchhalten, wenn er sich abends zum Schlafen in seinem nur aus einem Regenponcho bestehenden „Zelt“ am Wegesrand hinlegte. Das Smartphone wurde zum dankbaren Austausch mit zu Hause genutzt. Gerade dann, wenn es aufgrund der Wetterbedingungen ungleich härter für den Ausdauerathleten wurde, half das Gespräch am Abend, um sich wieder aufzurichten und am nächsten Tag weiterzulaufen. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass sich Gates bei all der medialen Aufmerksamkeit, die seine Aktion bewirkte, am allermeisten über einen Artikel in der lokalen Zeitung freute. „Die New York Times könnte eine Story über mich schreiben, es wäre für mich nicht das gleiche wie die Geschichte in der Aspen Times, das ist einfach etwas Besonderes für mich, da fühle ich mich wie ein Held“, sinniert Gates.

Ein Trolli beherbergt sämtliches Equipment.

Auch nutzte Gates die Durchquerung des Bundesstaates für einen Zwischenstopp in den eigenen vier Wänden. Diese Zeit mit seinen Freunden, seiner Mutter, ließ ihn erneut über das eigentliche Ziel seines Laufes nachdenken. Auch konnte er auf einen großen Teil Wegstrecke, gepaart mit tiefgehenden, einmaligen Eindrücken und Begegnungen, zurückblicken. Zweidrittel seines Weges lagen nun hinter, etwa 1500 Meilen mit sehr anspruchsvollem Gelände vor ihm. „Ich hatte dieses verrückte Ziel, die andere Seite unseres Landes zu erreichen und musste alles zurücklassen, was ich schätze und liebe“, beschreibt Gates seine Gefühle beim Aufbruch in Colorado und die Aussicht auf den letzten, aber beschwerlichsten Abschnitt seines Abenteuers.

Ende gut, alles neu?

Wer lange allein unterwegs ist, hat auch genügend Zeit, über Grundsätzliches nachzudenken. Und so beschäftigte sich der 38-Jährige gegen Ende seines Abenteuers immer mehr mit der Frage, warum er überhaupt läuft, was ihm dieser Sport bedeutet. Seine schlichte Erkenntnis: „Beim Laufen geht es mir nicht unbedingt um den Sport an sich. Es dient mir eher als eine Art Medium, das ich benutze, beispielsweise um Menschen zu treffen, neue Länder zu entdecken, mir ein Selbstwertgefühl zu geben. Und es lässt mich viel von mir selbst entdecken, auf einer tieferen Ebene“. Laufen kann so viel mehr sein, kann Dinge bewirken und Menschen zusammenbringen. Es ist toll, dass es Menschen wie Rickey gibt, die einem dies eindrücklich vor Augen führen. „Wir können nicht mehr als eine Person zur gleichen Zeit sein. Wenn ich eines gelernt habe, dann, dass ich mich als Person schätzen sollte. Dass ich mir bewusst machen sollte, wo ich bin, wann ich bin und mit wem ich zusammen bin“, sagt Gates am Ende seines sehenswerten Films und verabschiedet sich mit einem Sprung in die Wellen der kalifornischen Küste.

Geschafft – das Bier zum Abschluss hat sich Rickey redlich verdient.

Der Text erschien 2021 in aktivLaufen