– Gedanken einer laufenden Ballettmama –

Meine Tochter besucht seit nunmehr drei Jahren einmal in der Woche eine Ballettschule. Dort tanzt sie für circa eine Stunde im rosa Tutu den Alltagssorgen einer Sechsjährigen davon. Und das mit den Alltagssorgen ist nicht ironisch, sondern furchtbar ernst gemeint.  

Ja, selbst die Kleinsten unserer Gesellschaft stehen jeden Tag aufs Neue vor ihren ganz eigenen Herausforderungen, welche das Leben auch für sie schon bereithält. Sei es der Garderobenhaken, der ein Stück zu weit oben hängt, die Lieblings-Kindergärtnerin, die natürlich genau an dem Morgen nicht zur Arbeit erscheint, an dem eh alles doof ist oder die nervende Mama, die nicht das erlaubt, was andere Mütter erlauben. 

Wie auch immer, in diesem Text geht es nicht – oder zumindest nicht primär- um die Kleinsten. Es geht um Eltern. Vielmehr um Mütter. Um die Mütter der Ballettklasse B3 am Dienstagnachmittag. 

Ja, ja – ich weiß: Man soll sich nicht mit anderen vergleichen…. aber man tut es eben doch! immer und immer wieder. Und genau deswegen frage ich mich jeden Dienstag aufs Neue: Was ist normal beziehungsweise bin ich normal? 

Grund für diese tiefgreifenden Fragen ist, dass bei mir irgendwie –zumindest scheinbar- alles anders läuft als bei den anderen Müttern.  

Wenn sich nämlich die Tür zum Ballettsaal hinter dem letzten rosa Röckchen schließt wandelt sich der pink tapezierte Aufenthaltsraum in einen pädagogischen Gesprächskreis. Es werden, unteranderem, neue (Lern-)Spielzeuge diskutiert, Fernsehsendungen beurteilt, Bücher auf Prädikate geprüft und Kinderyogaanbieter verglichen. Zumindest während der ersten viertel Stunde. Danach geht es um Bilderbuchleben, perfekte Familien ohne Sorgen, makellose Ehemänner – einer toller als der andere. 

Woher ich das weiß? 

…naja, wie es eben so ist, wenn man irgendwo neu hinzukommt; man ist höflich, möchte dazugehören und reiht sich ein, versucht fast schon verzweifelt einen guten Eindruck zu machen. Entsprechend tat auch ich mein Bestes. Bestellte also Soja Latte, hörte zu und nickte eifrig, fragte mich aber ins Geheime, ob das Beschriebene der Normalität und dem Alltag entspricht, oder ob ich einfach unnormal bin. 

Oder: Ist es vielleicht normal, sich vor flüchtigen Bekannten anders darzustellen? Ist es gar zum “Zeitüberbrückungsmittel” geworden uns gegenseitig von perfekten Leben zu erzählen, so wie sich unsere Kinder über fluffigen Monster in ihren Schränken unterhalten?

Schönen wir unser Leben für anerkennende Blicke, hinter welchen sich doch großer Unglaube spiegelt?  

Anderenfalls leben wir wahrscheinlich gar ganz bewusst in einer Lüge und glauben unseren eigenen, geschönten Worten sobald sie den Mund verlassen? Erzählen wir also vielmehr uns selbst ein Märchen; unser Märchen? 

Und: Ist die „perfekte Familie“ im 21. Jahrhundert überhaupt noch zeitgemäß? 

Anders gefragt: Was ist perfekt?! Oder: Was ist normal? 

Fragen, über welche ich nun nachdenken kann. Ganze 60 Ballettminuten lang.

Ja, ich habe den Gesprächskreis verlassen und gehe stattdessen laufen – für mich. Allein. Verrückt, oder?  

Unter verständnislosen Blicken schlüpfe ich, während meine Tochter Marina ihren pinken Ballettbody übersteift und ihre schönen, langen Haare zu einem peniblen Dutt formt, in meine Laufsachen.

Dann verabschieden meine Tochter und ich uns an der Tür zum Ballettsaal und ich laufen los.  

Laufe und denke, frage mich, wie ich es schaffen kann, dass sich meine Tochter nicht mehr klein fühlt, wenn der Garderobenhaken in anderen Haushalten zu hoch hängt. Was ich zu ihr sage, wenn die Lieblingskindergärtnerin krank ist und wie ich ihr erkläre, dass vielleicht auch andere Kinder nicht immer die Wahrheit sagen, wenn es darum geht, was zu Hause erlaubt ist und was nicht. Vor allem aber überlege ich, wie ich ihr verständlich machen kann, dass es kein „normal“ mehr zu geben scheint. Dass „individuell“ das neue „normal“ ist. 

 

Eine knappe Stunde später, und manchmal um die ein oder andere Erkenntnis reicher, sprenge ich die rosarote Mütter-Perfektionsrunde und läute somit ihr Ende ein. Notizbücher werden zugeklappt, Beispielspielzeuge fein säuberlich zusammengepackt und in Michael Kores Taschen verstaut, Stühle wieder in Reihe und Glied gebracht. 

Das ist dann auch meinst der Moment in dem sich die schwere, schallgeschützte Tür öffnet und unsere filigranen Schätze in die Arme der jeweiligen Mama stürmen.  

Und wenn ich meine Tochter dann anschaue; die Unbeschwertheit in den Augen und das Lächeln auf den Lippen sehe, dann weiß ich, dass das alles, ihr und mein Leben, nicht so ungewöhnlich sein kann.

 

Abschließend möchte ich noch einmal auf das anfänglich erwähnte „Alltagssorgen-Hinwegtanzen“ eingehen:  

Ich finde das wichtig! Jeder Mensch sollte eine Aktivität haben in der er oder sie sich komplett verlieren kann, bei welcher die rasenden Uhren langsamer ticken und die Gedanken fließen, die Gefühle von Haaransatz bis zur Zehenspitze durch den Körper strömen. 

Sei es lesen, schreiben, tanzen, musizieren, malen, laufen, radln oder meditieren – Findet Euer Zen, Eure Flucht aus dem Alltag – egal wie unnormal diese für die „Außenwelt“ auch erscheinen mag. 

Fotos: privat